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Warum man sich nur zu gern aus dem Staub machen möchte...

Deutschland im Oktober 2021 - Das Land hat gewählt, es hat mehrheitlich für ein Weiter so votiert. Zudem lassen es sich wieder einmal Demokratiespötter und Extremisten im Bundestag auf Kosten unserer Gesellschaft gut gehen. Ja - auch sie wurden demokratisch gewählt. Mir kam spontan das Böckenförde-Diktum in den Sinn, welches besagt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ .

Welche Voraussetzungen sind hier gemeint? In meinen Augen lebt eine Demokratie vom informierten Engagement ihrer Bürger. Ein klares Wählervotum für eine konsequente 1,5 Grad-Politik hätte im September zumindest einen hoffnungsvollen Grad des allgemeinen Informationsstandes und des daraus abzu-leitenden Engagements reflektiert. Unter einem solchen Engagement verstehe ich aktuell den Willen andere ökologisch-soziale Wege, sprich Wege der Nachhaltigkeit zu suchen und einzuschlagen. Wir müssen ökologische  Grenzen endlich als gesetzt und fix akzeptieren. Andernfalls droht unsere gesellschaftliche Basis zu erodieren. Diese Perspektive sehe ich politisch allenfalls ansatzweise realisiert. Die Volksparteien haben in den letzten Jahrzehnten unter Beweis gestellt, dass sie sich scheuen nachhaltige Wege einzuschlagen. Sie haben die Idee der Nachhaltigkeit zur politischen Unkenntlichkeit degradiert und tragen einen erheblichen Anteil der Verantwortung für die Abnahme des bürgerlichen Engagements. Bleibt zu hoffen, dass die kleinen "Wahlgewinner" es auch ernst mit ihrer Aufbruchsrhetorik meinen und der zukünftigen Kanzlerpartei einen solchen auch abtrotzen werden. 

 

Ein erster Wandel gesellschaftlicher Wahrnehmung

Lange genug gibt es in der Wissenschaft mahnende Worte zur Umkehr. Viele unserer heutigen Probleme und Krisen wurden schon vor Jahrzehnten prognostiziert. Ob die Ressourcenkrise, die 1972 durch den Club of Rome (Die Grenzen des Wachstums) oder das soziale Auseinanderdriften unserer Gesellschaft, welches schon 1979 durch Erich Fromm (Haben oder Sein) prognostiziert wurde. Vielleicht sind aktuell die Voraussetzungen hierzu eher gegeben.

Die aktuelle Sandkrise kann man als weiteres Indiz für zukünftige Konsequenzen nichtnachhaltigenden Handels begreifen. Politiker warnen vor der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft und verweisen auf einen allgemein raueren Umgangston, Hate Speech, Drohungen und Tätlichkeiten gegenüber Vertretern der inneren Sicherheit, der Feuerwehr und der Medizin, bishin zu Anschlägen auf öffentliche Einrichtungen und dem Mord andersdenkender und andershandelnder Menschen (z.B. Walter Lübcke).         

Unsere Gesellschaft beginnt nur langsam derartigen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Diese Woche hat mit Klaus Hasselmann ein Klimamodellierer den Nobelpreis für Physik erhalten. Herr Hasselmann hat bereits in den 1960ger Jahren die menschliche Verantwortung für die Klimakrise herausgearbeitet. Im März hat das Bundes- verfassungsgericht das Klimaschutzgesetz der großen Koalition aus dem Jahr 2019 als verfassungswidrig eingestuft. So sehen die Karlsruher Richter durch die Vertagung klimarelevanter Maßnahmen die Freiheitsrechte kommender Generationen beeinträchtigt. "Die Vorschriften verschieben hohe Emissions-minderungslasten unumkehrbar auf Zeiträume nach 2030" (Bundesverfassungsgericht). Nach Verständnis des Gerichts überlassen wir der jungen und den kommenden Generationen die Behebung des, von uns angerichteten Schadens. Sofern man diesbezüglich überhaupt noch von einer Behebung sprechen kann. Hierdurch sehen die Richter einen Verstoß gegen grundgesetzlich verbrieften Freiheitsrechte junger Menschen. Erste Schritte in Richtung Klimagerechtigkeit, die ein Umdenken auf einigen gesellschaftlichen Ebenen widerspiegeln. Bleibt zu hoffen, dass die zukünftige Bundesregierung diesem Asuftrag gerecht wird und es schafft Mittel und Wege zu finden die öffentliche Kommunikation wieder in ihre zivilisatorischen Grenzen zu weisen. 

 

 

Der für unsere Demokratie wichtigere Wahrnehmungswandel steht noch aus 

Dies sind jedoch Maßnahmen, die auf den Ebenen der Politik und der Rechtsprechung Umsetzung finden müssen. Die Maßnahmen müssen nur konkrete Umsetzung finden. Diesbezüglich stellt sich die Frage, inwieweit diese Maßnahmen auch von uns mitgetragen werden. Aktuell muss ich leider häufig statt informiertem Engagement für das System (unsere Gesellschaft) Anzeichen von geistiger Isolation und Resignation wahrnehmen. Tagtäglich sehe ich mich mit Aussagen konfrontiert, die in autoritären Regimen vielleicht eine Berechtigung fänden, die aber nichts mit der gelebten Realität in unserem Land zu tun haben. So machen "die da oben" auch keinen guten Job, weil wir hier unten auch unseren Job nicht so gut machen. Anstatt sich selbst zu informieren und berechtigte Forderungen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme an "die da oben" zu stellen, bedient man sich schnell einmal wieder alter Feindbilder und neuer Freundbilder, die häufig wenig mit den Menschen und Dingen an sich zu tun haben. Wobei schwer auszumachen ist, welche Seite die furchterregendere sein mag.Soziale Medien werden mehr und mehr zu finanziellen, wie auch informationellen Drahtziehern gesellschaftlicher Entwicklungen. 

Ob intendiert oder nicht, Fake News und Hate Speech kommen durch sie zu nicht zu überbietenden Reichweiten. Kognitive Verzerrungen bestimmen in einem zunehmenden Maße unsere Wahrnehmung. Dabei meine ich nicht Aussagen von Menschen, die aus sozialen Notlagen heraus nichtnachhaltig denken und handeln. Nein, es geht mir um Menschen, die ihre Energie und ihr Wissen für nachhaltige Gedanken, Gespräche und Projekte einsetzen könnten, sich aber ihrer demokratischen Verantwortlichkeit nicht bewußt werden oder sich ihr bewußt verweigern. Das Leben in der späten Moderne findet nur allzu oft nach dem Skript des Quick´n Dirty statt. Statt der zurecht von E.U. von Weizsäcker A. Wijkman 2016 geforderten zweiten Aufklärung unter Einbindung von Wissen und traditionellem Wissen, scheint der Zeitgeist eher Antiaufklärerisches zu befeuern. Wie A. Reckwitz (Die Gesellschaft der Singularitäten) es beschrieben hat, scheint die aktuelle Kommunikation mehr und mehr zu einer Affektheischerei zu verkommen. Unter einem obskuren zeitlichem Diktat wird nur allzu gern Leichtverdauliches als Fakt angepriesen, ohne dass man sich Fragen zur Belastbarkeit der Aussagen macht. Diese Realitätsverweigerung aus Geltungsdrang und Bequemlichkeit lässt uns die Realität allenfalls schemenhaft verzerrt wahrnehmen.    

 
Durch manchen Riss dringt bereits Licht, für jeden zugänglich...

Bestimmt würde in unserer Gesellschaft einiges besser laufen, wenn wir ein wenig mehr nach dem Motto "Schuster bleib bei deinen Leisten" agierten und Fachleuten mehr Vertrauen entgegenbrächten. Nicht, dass alle Fachleute auch ausschließlich fachlich qualifizierte Aussagen treffen würden. Nein, leider gibt es hier und da Experten, die aus verschiedenen Gründen Ruf und Position missbrauchen. Allerdings gibt es Möglichkeiten Aussagen mittels der Schwarmintelligenz der Wissenschaft zu hinterfragen (z.B.Peer Review-Verfahren, IPCC). Wenn die Mehrheit renomierter Wissenschaftler eine Aussage bestätigt, kann man sie getrost als Stand des Wissens erachten und als einen aktuell belastbaren Fakt einordnen. Die Wissenschaften bieten uns den aktuell bestmöglichen Zugang zudem, was wir als Realität bezeichnen. Hat eine Aussage diesen Filter passiert, so sollten wir herangehen im persönlichen und politischen Rahmen die gesellschaftlichen Konsequenzen aus diesen Fakten abzuleiten. Oftmals mag es im Licht der Aufklärung zu verstörenden und schmerzhaften Wahrnehmungen kommen. Ich begreife es als unsere gesellschaftliche Aufgabe sich darin zu trainieren dies auszuhalten und dementsprechend konsequent und nach Kräften zu handeln.

 

Uns steht eine Vielzahl wissenschafts-journalistischer Formate zur Verfügung. Ob als print, im TV oder online, häufig werden einem wissenschaftliche Inhalte allgemeinsverständlich nähergebracht. Sofern man es überblicken kann, handelt die Mehrzahl der dort tätigen Moderatorinnen und Moderatoren nach dem Credo des Wissen verpflichtet. Natürlich sollten wir auch derartige Formate kritisch hinterfragen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie einem fundierten Hinterfragen Stand halten können. Das bedeutet nicht, dass Wissenschaftler auch gleich die Poltik mitmachen sollten. Nein, aber politische Entscheidungen sollten auf wissenschaftlichen Fundamenten ruhen. Unsere Aufgabe ist es wiederum, uns kritisch zu informieren und den konsequenten gesellschaftlichen Wandel aktiv mitzugestalten.            

 

Eine Aufgabe und Verpflichtung, an die uns die Aktivisten von Fridays for Futureund dem Jugendrat der Generationenstiftung regelmäßig erinnern und die sie zurecht von uns einfordern. Ich kann verstehen, dass junge Menschen Angst vor der Zukunft haben. Unsere Gesellschaft sollte sich ihres wissenschaftlichen Zugangs zur Realität konsequent bedienen und ihr Handeln dementsprechend ausrichten. Mithilfe neuer und traditioneller sozialer Praktiken können wir unser Wirtschaften an der ökologischen Tragfähigkeit unseres Planeten ausrichten. Wir können unsere Lebensweise dementsprechend anpassen. So müssten wir allenfalls fürchten die Umkehr zur Nachhaltigkeit nicht zügig genug umsetzen zu können. Wir könnten diese Umkehr aber im Bewußtsein versuchen, dass wir das menschenmöglich Beste aus unserer Situation machten.

Ich hoffe, dass diese jungen Menschen auch weiterhin von uns aufgeklärtes und verantwortliches Denken und Handeln einfordern. Noch viel mehr hoffe ich aber, dass WIR uns endlich dem harten Licht der Realität stellen und uns unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit entledigen. Verzerren oder ignorieren wir die Realität noch länger und finden gesellschaftlich nicht zueinander, so werden die Konsequenzen maßgeblich unbequemer sein. Infolge einer weiteren Unterminierung der inneren Sicherheit, erachte ich eine Wandlung zu einer autoritären Gesellschaftsform als eines der realistischeren Szenarien zukünftiger Entwicklungen. Auf der anderen Seite könnte aber eine Umkehr und ein gewisser Bequemlichkeitsverzicht auch dazu führen, dass wir von Getriebenen zu Gestaltern unserer Krisen werden. Dann könnten wir beginnen aus unseren Fehlern zu lernen und das Projekt einer lebenswerten Zukunft für die Menschheit in Angriff nehmen. 

 

Gegen Ende stehen einmal wieder neben vielen anderen diese beiden essentiellen Fragen im Raum: 

 

  • Wer, wenn nicht wir?
  • Wann, wenn nicht jetzt? 

 

 

Ihr guidO Kossmann 

 

p.s. Zum Glück steht eines jetzt schon fest: Aus dem Staub wird sich im Übrigen keiner machen können...