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Hintergrund zum philOZirkel

Oh nein, nicht schon wieder Probleme wälzen“ So oder ähnlich fallen oftmals Reaktionen auf die Bekanntmachung einen PhilosophierZirkel gründen zu wollen aus. Dabei geht es meist gar nicht wirklich um die Scheu sich mit Problemen auseinanderzusetzen, sondern fehlt meist eine Vorstellung von dem, was denn nun hinter einem philosophischen Gespräch (philOGespräch) stecken könnte.

 

Um den Einstieg zu erleichtern, sollte man zunächst alles vergessen, was einem in Talkshows zugemutet wird. Ein philOGespräch ist ein von Wertschätzung getragener Gedankenaustausch auf Augenhöhe und kein Schlagabtausch. Ich bin der Meinung, dass jeder philosophieren kann und dass man am besten schon im Kindergarten damit beginnt. In diesem Sinne haben philOGespräche für Erwachsene zum Ziel, ein Hinterfragen von vermeintlich Selbstverständlichem zum Entstauben und Aktualisieren des eigenen Weltbildes zu ermöglichen.  

 

So gibt es bei unseren philOGesprächen kein richtig und kein falsch, es gibt lediglich persönliche Sichtweisen (Perspektiven). Wir sind uns der Begrenztheit der eigenen Perspektive bewusst (Sokrates, 399 v. Chr. "Ich weiß, das ich nicht weiß"). Da wir davon ausgehen, dass andere Teilnehmer einen Sachverhalt unter einer anderen, wiederum ebenfalls begrenzten Perspektive wahrnehmen, können wir diese als Möglichkeit begreifen und veilleicht die eigene Perspektiveergänzen oder korrigieren. Je unterschiedlicher solche Perspektiven ausfallen, desto fruchtbarer können derartige Gespräche werden. Sofern der Austausch fest auf dem Boden des Grundgesetzes steht und die menschliche Würde respektiert wird, wird in einem philOGespräch vieles möglich. Schließlich geht es nicht darum sich durchzusetzen, sondern die eigene Perspektive im Lichte der anderen zu betrachten um eventuell Ergänzungen oder Änderungen vornehmen zu können. Gemeinsamkeiten können als Basis zum Weiterdenken genutzt werden. Frei nach dem Schriftsteller V. Hamgardt  werden hier Gespräche zu "Brücken, die Menschen Verbinden."

Prinzipiell gibt es bei den Gesprächen weder alberne noch dumme Äußerungen. Die Gesprächsatmosphäre ist getragen von Toleranz und Wertschätzung, dass jeder seinen / ihrem Möglichkeiten nach am Gespräch teilhaben kann. In einem guten Gespräch sollte es Niemanden Probleme bereiten, Nichtverstandenes zu hinterfragen. Oftmals fördert ein beherztes Nachfragen den Gedankenaustausch ungemein und führt dazu, dass eine Gruppe schneller ihre gemeinsame Sprache findet. Mit der Zeit helfen philOGespräche Probleme als Möglichkeiten zu betrachten. Sie integrieren Vorteile der FeedForward-Methode. Insofern gilt auch im philOZirkel "Lern so viel Du kannst" UND "hilf so viel Du kannst" (Mashall Goldsmith, 2007).    

 

Für mich persönlich war die Teilnahme an philosophischen Zirkeln in Wunsiedel und Hof (Oberfranken) und kürzlich auch online (durch die Akademie) eine so interessante wie motivierende Erfahrung, dass ich diese Methode gern auch mit Erwachsenen in meiner Heimatstadt Schwerte etablieren würde. Durch Unterstützung der OBERFRANKENSTIFTUNG habe ich an einer Weiterbildung zum philosophischen Gesprächsleiter für  Erzieher(innen), Lehrer(innen) und Umweltbildner(innen) teilgenommen. An der AKADEMIE FÜR PHILOSOPHISCHE BILDUNG UND WERTEDIALOG erlangte ich das notwendige Rüstzeug zur Leitung einer philosophischen Gesprächsrunde. Gerade in der aktuellen Lage messe ich einem gelingenden MITEINANDER eine essentielle Bedeutung bei.

Wir können Krisen nicht wegquatschen, aber Grundlagen für deren Bewältigung schaffen.   

Expansionismus - Symptom mit Heilungschancen?

Im Januar 2022 traf sich der fränggisch-westfäälische PhilosophierZirkel (ϕ-Zirkel) wieder online und tauschte Perspektiven zum Thema - Expansionismus – Symptom mit Heilungschancen?- aus. Folgend finden Sie die ergänzte und weitergedachte Zusammenfassung.

 

Konkurrenz und Weltreichweite

Die Zirkelteilnehmer konstatierten, dass unsere Lebensweise durch eine Mentalität eines höher, schneller, weiter und mehr gekennzeichnet ist. Das wachstumsgeleitete, expansive Wirtschaften habe unserer Gesellschaft eine enorme Steigerung der Lebensqualität und längere Lebensspannen beschert. Wir Menschen hätten unsere Möglichkeiten des Seins grundlegend erweitert. So gelte auch in der Psychologie die gedankliche Erweiterung von Möglichkeiten als ein Ansatz zur Hilfe. Was in gedanklich-theoretischer Hinsicht zu helfen vermag, stoße mittlerweile jedoch in der Praxis unseres Stoffwechsels an seine Grenzen. Aber zunächst zu einer kurzen Beschreibung verschiedener Aspekte des Expansionismus…  

Teilnehmern des ϕ-Zirkels konstatierten, dass diese Erweiterung menschlicher Möglichkeiten zu einer Entgrenzung des modernen Menschen in vielerlei Hinsicht geführt habe. So erhöhten wir permanent unsere Weltreichweite  in Hinblick auf Mobilität und der Aneignung materieller und immaterieller Ressourcen (Aneignung von Welt). Als Beispiele wurden die zunehmende Beliebtheit von Fernreisen und kulturellen Aneignungen genannt. Letztere seien sowohl bei der Wahl internationaler Speisen sowie der Gestaltung von Gärten und des Wohnumfeldes (Buddha vor der Haustür) bis hin zu Meditationspraktiken festzumachen. Nach RECKWITZ, A. werden diese kulturellen Ressourcen als Statussymbole zur Schaffung individueller Singularitäten (Attraktivitätssteigerung) genutzt.

Ob bei der Arbeit oder im privaten Bereich, wir nutzten unsere gesteigerte Weltreichweite um uns mittels Singularitäten von anderen abheben zu können. So werde das menschliche Miteinander vielfach zu einer  Konkurrenzsituation um Alleinstellungsmerkmale degradiert bestimmt (auch FROMM, ROSA, RECKWITZ). Ausuferndes Wettbewerbsdenken führe zu einer erheblichen Belastung des gesellschaftlichen Miteinanders. Vielen Menschen scheinen, so Teilnehmer, die Orientierung verloren gegangen zu sein. Anstelle eines gesundes Weltbezuges, würden häufig ausufernder Konsum und Frustration um isch greifen. Zudem komme es zu problematischen sozialen Entwicklungen. Wenn Neid und Gier zu dominanten Motivatoren der Menschen werden, sinke die Lebensqualität.

Die Gesellschaft werde dabei durch Medien und Werbung enorm auf Wettbewerb und einen expansionistischen Konsum eingeschworen. Hierbei scheine in den letzten Jahren mehr und mehr das Motto – materieller Wohlstand – egal wie, zur dominanten Form der Aneignung von Welt geworden zu sein. Dabei wurde der Wert vieler Güter inflationär behandelt und Qualität die schiere Quantität vorgezogen (auch Geiz ist geil). Der ϕ-Zirkel befand es charakteristisch für unsere Gesellschaft, dass auf individueller Ebene vielfach mehrere Smartphones, passend zum Outfit mehr und mehr als Must have betrachtet werden. Durch die vermeintlich unbegrenzte Verfügbarkeit materieller Dinge, käme es in unserer Gesellschaft zu überbordenden Ansprüchen und Sehnsüchten.  

 

Ursachen des Expansionismus

Die Zirkelteilnehmer gaben zu bedenken, dass Wachstum und Expansion in historischer Perspektive als Indikatoren für den Erfolg von Kulturen gelten (Ägypten, Byzanz, u.v.a). Auf den Punkt gebracht, bestimme von alters her, Gier das Denken und Handeln vom Menschen. Diese arg moderne Sicht muss ich in Frage stellen, sollten wir die Bedeutung von Kooperation in der menschlichen Geschichte nicht zu gering einschätzen (KEHNEL, A., 2021). Mittlerweile hat die Archäologie den Untergang einiger Hochkulturen auf Klimaveränderungen und Übernutzungder natürlichen Tragfähigkeiten von Regionen zurückführen können (auch ZANG, H et al.. 2021, GEROLD, G.,2021). Ich denke, dass wir aus diesen Einsichten Konsequenzen für uns und die jüngeren Generationen ableiten und unsere Ansprüche und Sehnsüchte an dem natürlich Machbaren ausrichten müssen.    

Im ϕ-Zirkel wurde auch zu bedenken gegeben, dass es auch in der biologischen Perspektive einige Beispiele für Expansion zu finden seien. Zum einen erhöhten Statussymbole die Attraktivität mit einer folgend erhöhten Fortpflanzungswahrscheinlichkeit, zum anderen zeigen auch invasive Pflanzen- und Tierarten einen ausgeprägten Expansionismus. So breiteten sich invasive durch die Verdrängung heimischer Arten aus. Es wurde auch zu bedenken gegeben, dass auch invasive Arten mit den gegebenen Umweltbedingungen zurechtkommen müssten und dass die Verdrängung heimischer Arten die Stabilität der betroffenen Ökosysteme in Mitleidenschaft ziehen würde. In Analogie charakterisiere ich unser Verhalten als Spezies als das, einer invasiven Art, die ihre Grenzen missachtet und ökologische Konsequenzen ignoriert.

Seit langem werden in der Biologie Diskussionen über eine modifizierte und erweiterte Sicht auf Darwins Prinzip des Survival of the fittest geführt. Die Vorstellung, dass die Fähigkeit zur Kooperation als ein bedeutender Aspekt ökologischer Fitness  zu betrachten ist, gewinnt mehr und mehr an Gewicht (Spektrum der Wissenschaft / 28.04.2021). Neben zahlreichen Beispielen aus der Verhaltensforschung von Säugertieren, mag man auch die „Kraftwerke“ in unseren Zellen (Mitochondrien) als gewichtiges Indiz für die ökologische Bedeutung von Kooperation werten. So gibt es umfangreiche Gründe zur Annahme, dass Mitochondrien sich entwicklungsgeschichtlich früh aus einzelligen Bakterien entwickelt haben, die von einem unserer entfernten Vorfahren zwar gefressen, aber nicht verdaut, sondern zur effizienteren Energiegewinnung und somit zum beiderseitigen Vorteil "domestiziert" wurden (Endosymbiontentheorie, Spektrum.de Biologie kompakt). 

 

Unsere Grenzen

Es mag sein, dass in biologischer Perspektive die Konkurrenz bei gesicherter Existenz (Deckung der Grundbedürfnisse) an Bedeutung gewinnt. Wir sollten jedoch begreifen, dass unsere Existenz als Spezies durch ökologische und soziale Probleme derart bedroht ist, dass wir besser schnell unsere Fähigkeit zur Kooperation nutzen sollten. Denn ökologische Grenzen zwingen uns mehr und mehr den in materiellerer Hinsicht kürzer zu treten und Alternativen zu suchen. Die Dringlichkeit einer Neuausrichtung unseres Seins wird schon vor dem Hintergrund unserer Ressourcenausbeutung deutlich. Wir verbrauchen aktuell unsere Welt auf einem nie dagewesenen Niveau. Die weltweit vom Menschen produzierte Masse (Trockenmasse v. Gütern + Abfall) nimmt wöchentlich pro Kopf der Weltbevölkerung um das durchschnittliche Körpergewicht eines Menschen zu. (Elhacham et al., 2019) prognostizierten, dass im Jahr 2020 die Masse, der vom Menschen produzierten Masse (s.o.), auf gleichem Niveau mit der weltweiten Biomasse (Pflanzen und Tiere) sein wird. Angesichts solcher Dimensionen erscheint der Begriff des Anthropozäns durchaus gerechtfertigt zu sein. Der Mensch ist zu einem geologisch prägenden Faktor geworden. Wenn man bedenkt, welche ökologischen Konsequenzen hinter mancher Wirtschaftsnachricht stecken, regt dies schon zu einem konsequenten Hinterfragen gewisser Prioritäten an. So führt schon die, meist mit Trauermiene mitgeteilte Nachricht, über ein schwaches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von nur 2 % p.a., innerhalb von 35 Jahren zu einer Verdoppelung der wirtschaftlichen Leistungen. Da jedoch das Gros der Wirtschaft auf der Produktion materieller Güter beruht, markieren Ressourcenverfügbarkeit, Abfallentsorgung und letztlich auch die Nachfrage solventer Kunden eindeutig Eckpunkte der Endlichkeit materiell-expansiven Wirtschaftens.

 

Auch in sozialer Perspektive erscheint das hauptsächlich auf materielles Wachstums fixierte BIP, als Indikator für die Lebensqualität mittlerweile zu kurz zu greifen. Die Wirtschaftsleistung des Landes wird unabhängig von gesellschaftlich relevanten Daten zu sozialer Gerechtigkeit und ehrenamtlichen Tätigkeiten erhoben. Aus meiner Sicht ist Lebensqualität maßgeblich durch derartige soziale Parameter gekennzeichnet. Sogenannte Defensivausgaben zur Bekämpfung von Kriminalität,Drogenkonsum oder die Folgekosten von Verkehrsunfällen wirken sich tendenziell sogar positiv auf das BIP aus. Der vom Umweltbundesamt publizierte Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) hingegen, trägt auch sozialen und ökologischen Entwicklungen der Gesellschaft Rechnung. Auch Umweltkosten werden in diese Art der Betrachtung miteinbezogen. Zu einer Evaluierung der Lebensqualität sollten alle gesellschaftlich relevanten Daten einbezogen werden. So könnte der NWI ergänzend zum BIP gesellschaftliche Entwicklungen besser abbilden und interpretieren helfen (DIEFENBACHER ET AL:, 2016). Leider wird der NWI seit 2015 offiziell nicht mehr weitergeführt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt... 

 

Neuorientierung

Ob Verlustaversion oder Bequemlichkeit, aktuell scheuen wir offensichtlich Veränderungen, sind wohl der Meinung, dass es besser ist an Bestehendem festzuhalten, als Neues zu wagen. Wir müssen, ob wir wollen, oder nicht, unseren Status-Quo überwinden. In meinen Augen könnte die, von E.U. von WEIZSÄCKER, A. WIJKMAN (2018) geforderte neue Aufklärung  Weg und Motivation zugleich darstellen. Die Autoren haben 46 Jahre nach den - Grenzen des Wachstums -Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklungen skizziert. Sie fordern eine neue Aufklärung, die Wissenschaft und traditionelle Methoden der Nachhaltigkeit kombiniert.

Für meine Begriffe bedarf es hierzu zunächst in theoretischer Sicht der weiteren wirkungsspezifischen Analysen der Natur und unserer Gesellschaftmit all ihren Subsystemen (auch FESTER, F., 2002). Eine solche Analyse und die Inventur komplexer Vernetzung mit unserer Welt würde uns eine Blaupause zur Schaffung eines neuen Weltbildes entlang sozial-ökologischer Leitlinien ermöglichen. Hierbei müssen wir zunächst lernen Komplexes von Kompliziertem zu unterscheiden und mit Komplexität adäquat umzugehen (LESCH, H. & K. KAMPHAUSEN, 2021). In Praktischer Sicht könnten wir uns durchaus auch an traditionellen Formen menschlichen Miteinanders orientieren. Wir sollten es als Chance betrachten, dass wir in sozialer Hinsicht vielfach schon im Mittelalter weiter waren als der moderne Mensch, wir folglich von unseren Vorfahren einiges lernen können (KEHNEL. A., 2021).

 

Der ϕ-Zirkel attestierte vielen Menschen ein aktuelles Getriebensein von selbstgestellten Ansprüchen an das Leben und die eigene Person. Über die Steigerung von Weltreichweite würden wir zwischenmenschliche Beziehungen vielfach hintenanstellen. Wir müssten jedoch versuchen wieder bewusst gesellschaftliche Beziehungen zu suchen und wiederaufzubauen um uns für aktuelle Bedrohungen wie Cov19, Erderhitzung, und daraus resultierende soziale Probleme möglichst mindern zu können. Offensichtlich tendieren wir Menschen aber dazu uns auch geistig und emotional vollkommen im Status-Quo festzusetzen. So nehmen wir schnell die Basis für jegliches Leben, die natürliche Mitwelt ihre Gesetzmäßigkeiten,nicht mehr wahr oder erachten sie schlicht als irrelevant. Nichtsdestotrotz bleiben wir als Naturwesen von ihr abhängig und müssen konform der ihrer Gesetze handeln. Wir sollten zu einer Neubewertung unseres aktuellen Denkens und Handelns kommen. So indiziert der BKK-Gesundheitsreport 2015 für den Zeitraum 2004-2015, somit pandemieunabhängig, einen erheblichen Anstieg von Depressions- und Burnouterkrankungen (Sowohl Fallzahlen als auch Anzahl der AU-Tage).    

 

 

Der Mensch als Bestandteil der menschlichen, kultürlichen und natürlichen Mitwelt

Im ϕ-Zirkel wurde die Möglichkeit derartigen Entwicklungen mit Minimalismus entgegenzuwirken angesprochen. Konkret wurde die Idee des Tinyhouses als eine Möglichkeit zu einer Besinnung auf das Wesentliche angesprochen. Dieser Gedanke stieß auf ein geteiltes Echo. Zwar sei die Inanspruchnahme von Platz pro Person und Haus betrachtet extrem gering, aber müsse man auch die mit einem solchen Wohnweise verbundene Infrastruktur mitbedenken. Weitere Aspekte der Inanspruchnahme von Raum wurden lediglich angesprochen. In meinen Augen sollten wir uns dieser Thematik mit einem ExtraZirkel widmen. Diesbezüglich wäre ein Hinterfragen der Definition von Grenzen des Wesentlichen und damit verbundene unterschiedlichen Perspektiven darauf sehr interessant und zielführend.     

 

Kommen wir auf die positiven Aspekte expansionistischen Verhaltens zu sprechen. Hinsichtlich des steten Bemühens sich selbst und seine menschliche, kultürliche und natürliche Mitwelt zu verstehen (MEYER-ABICH, K.M. 1990), kann Expansion einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, wenn nicht gar den Kern für unsere Rettung darstellen. Unsere Neugier, unserer Wissensdurst und unsere Fähigkeiten Zukünfte zu imaginieren hat uns zur dominanten Art gemacht (Anthropozän). Wir konnten uns dank dieser Gaben anpassen und die Erde zu einem erheblichen Teil unseren Bedürfnissen anpassen. Nun sehen wir, dass wir die Grenzen des Machbaren überschrittenhaben und zu einer nachhaltigen Nutzung unseres Planeten kommen müssen. There is no planet b in reach for us...

Was aber für uns in Reichweite ist, ist ein Umdenken. Ein Umdenken in Form einer gedanklichen und emotionalen Eingliederung des Menschen in den Naturhaushalt, ein Respektieren unserer, der menschlichen Natur.  Wie MEYER-ABICH, K.M. (1990) formulierte, "kam die Natur mit dem Menschen zur Sprache". Lernten wir nun vernetzt zu denken und unsere Gesellschaften und Kulturen als eine Erweiterung natürlicher Möglichkeiten als ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln zu begreifen, sollte uns auch unsere Bindung an Naturgesetze offenbar werden. An diesen führt sowohl in theoretischer, wie in praktischer Hinsicht kein Weg vorbei. Wir sollten uns als Wesen begreifen, die durch Kooperation mit anderen Menschen (Mitmenschen)aus Natur Kultur schaffen (kultürliche Mitwelt), von der wir unserer Weltbild ableiten und mittels derer wir uns in der natürlichen Mitwelt einrichten. Unsere Welt ist keine für uns geschaffene Stimulans, die wir durch Glas bestaunen können. Wir dürfen uns nicht auf den Status von Passagieren ohne Bezugzu dem da draußen zurückziehen (auch Iggy Pop, 1977). Wir sind in der Welt, wir sollten lernen mit ihr zu sein, uns als gestaltenden Bestandteil unserer Mitwelten begreifen. Sonst wird draußen dann wirklich feindlich werden (Einstuerzende Neubauten, 1981).  

 

Die Idee, dass sozialer Tratsch negative Auswüchse mindern könnte, wurde im ϕ-Zirkel aufgrund der starken Individualisierung negativ beschieden. In meinen Augen könnten wir durch ein shifting der baselines im gesellschaftlichen Miteinander unsere Lebensqualität erhöhen und unseren materiellen Weltverbrauch reduzieren. Auf der zwischenmenschlichen Ebene wäre zunächst eine pragmatische Sichtweise, mit Wahrung der kritischen Distanz sachdienlich. Die emotional-polarisierte Sichtweise mit der Wahrnehmung von richtig oder falsch und 1 oder 0 führt selten zu gelingenden Gesprächen, sondern zu deren Eskalation, wenn nicht zum Gesprächsabbruch. Führen wir Gespräche emotional zu engagiert, werden wir beispielsweise zu anfällig für Backfire Effekte (auch SETHI R. & RANAGRAJU, 2018). Das bedeutet, dass wir unser Weltbild ohne wirkliches Abwägen der Argumente anderer zu verteidigen suchen. Wie WELZER, H. (2021) unterstreicht, stehen hinter jedem Weltbild Lebensgeschichten und -leistungen, mit denen behutsam und wertschätzend umgegangen werden sollte. Mit großer Wahrscheinlichkeit lassen sich Lösungen zwischen 1 und 0 finden.    

Auch sollten wir besser Abstand von der Vorstellung nehmen, dass es die eine Technik / Methode zur Rettung unserer Welt gäbe. Schon bei der Betrachtung der Mobilitätswende wird augenfällig, dass diese nicht durch ein einseitiges Setzen auf Elektroantrieb erfolgen kann. Ergänzend müssen Wasserstoff / Biomethan für längere Fahrten, Carsharing und der Verzicht auf individuell-motorisiert zurückgelegter Kilometer Umsetzung finden. Lediglich eine Diversifizierung unserer Mobilität kann den drängenden Bedrohungen der Erderhitzung, und Flächenversiegelung begegnen und die Attraktivität unserer Innenstädte erhöhen. In ähnlicher Weise sehe ich viel gedanklicheund emotionale Energie in Diskussionen zur Systemfrage verpuffen. Anstatt den Kapitalismus abzuschaffen, dem wir in Mitteleuropa letztlich viel, sehr viel zu verdanken haben, sollte man bedenken, wo dieser in vernünftiger Weise durch Wirtschaftsweisen der Gemeinwohlökonomie und Commons ergänzt und den Kapitalismus gesellschaftlich so eingehegt werden kann, dass negative Begleiterscheinungen möglichst minimal ausfallen. 

 

Somit sehe ich fast unendliche Weiten für eine qualitativ ausgerichtete Erweiterung von Wissenshorizonten und Handlungsoptionen (auch traditionelles Wissen, E.U. von WEIZSÄCKER & A. WIJKMAN, 2018) und die Intensivierung zwischenmenschlicher Kooperation könnte jedoch zu einer individuellen Emanzipation von Scheinwerten führen. So könnten Menschen sich auf Wesentliches konzentrieren. Die Expansion im Handeln könnte sich an bereits erprobten Methoden orientieren z.B. verstärkter Aufbau von KooperationenRe- und Upcycling (KEHNEL, A., 2021). Lernten wir auch unterschiedliche Wege zwischen und 0 und 1 zu erkennen und nutzten diese, so würden wir unserer komplexen Mitwelt eher gerecht. Ich denke, dass es an der Zeit ist proaktiv zu Denken und zu Handeln. Insofern würde es mich sehr freuen, wenn wir beim nächsten Zirkel über neue Methoden des Miteinanders sprechen würden, die konkret bei uns ansetzen und unsere persönliche Wirkungskreise nachhaltiger zu gestalten helfen, damit unser Handprint (REIF, A. & M. HEITFELD, 2015) größer und ökologischer Footprint geringer ausfallen wird.

 

Wir haben also Chancen vom Getriebenen zum Antreiber nachhaltiger Entwicklungen zu werden und die Lebensqualität der Menschheit deutlich zu verbessern.

Worauf warten wir noch?       

 

 

 

 

 

Bemerkenswertes

Paper

Diefenbacher, H. et al. (2016): Aktualisierung und methodische Überarbeitung des Nationalen Wohlfahrtsindex 2.0 für Deutschland 1991 bis 2012. Umweltbundesamt, Texte | 29/2016

Elhacham, E. et al. (2019): Global human-made mass exceeds all living biomass. Nature, Vol. 528. England.

Fromm, E. (1955): Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe

Fromm, E. (1973): Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamt-ausgabe. dtv, München

Fromm, E. (1979): Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. dtv, München. dtv, München

Gerold, G. (2021): Klimawandel und er Untergang von Hochkulturen – Was lehrt uns die Geschichte? Springer Verlag, Heidelberg.

Han, B-C. (2005): Hyperkulturalität. Merve Verlag, Berlin

Kehnel, A. (2021): Wir konnten auch anders – Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit. Blessing Verlag, München.

Meyer-Abich, K.M. (1990): Aufstand für die Natur - Von der Umwelt zur Mitwelt. Hanser Verlag, München, Wien. 

Kliner, K., Rennert, D, & M. Richter (2015): Gesundheit in den Regionen – Blickpunkt Psyche. Medizinisch-Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin.  

Lesch, H. & K. Kamphausen (2021): Denkt mit! Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann. Penguin Verlag, München.

Meadows, D. et al. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart (auch als download erhältlich).  

Reckwitz, A. (2018): Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp Verlag, Berlin.

Reckwitz, A. & H. Rosa (2021): Spätmoderne in der Krise – Was leistet die Gesellschaftstheorie? Suhrkamp Verlag, Berlin. 

Reif, A. & M. Heitfeld (2015): Wandel mit Hand und Fuß - Mit dem Germanwatch Hand Print den Wandel politisch wirksam gestalten. German Watch, Berlin.  

Sethi, R. & R. Rangaraju (2018): Extinguishing the Backfire Effect: Using Emotions in Online Social Collaborative Argumentation for Fact Checking. Research Gate Conference Paper.

Vester, F. (2002): Die Kunst vernetzt zu denken – Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität. dtv-Verlag, München.

von Weizsäcker, E.U. & A. Wijkman (2018): Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen Ein neue Aufklärung für eine volle Welt. Random House, Gütersloh.

Welzer, H. (2021): Nachruf auf mich selbst. Fischer Verlag, Frankfurt.  

 

Online

Charles Darwin: Evolutionstheorie auf dem Prüfstand - Spektrum der Wissenschaft

Endosymbiontentheorie - Kompaktlexikon der Biologie (spektrum.de)

Einstürzende Neubauten – Draußen ist Feindlich Lyrics | Genius Lyrics

www.nationaler-wohlfahrtsindex.de/home  

 

Youtube

Iggy Pop (1977): The Passenger 

Andreas Reckwitz I Sternstunde Philosophie 24.08.2020: Die Suche nach Einzigartigkleit.

Harmut Rosa bei Precht 30.01.2022: Allmacht und Ohnmacht – unser digitales Lebensgefühl.

 

Harald Welzer I Sternstunde Philosophie 17.10.2021: Über die Kunst des Aufhörens und eine Wirtschaft ohne Wachstum.